Versuch macht vielleicht klug

Lichtenberg. Seit Mittwoch, 22. April, dürfen in Berlin Geschäfte im Einzelhandel mit einer Verkaufsfläche bis zu 800 Quadratmeter wieder öffnen – bei Einhaltung strenger Hygiene- und Abstandsregeln. LiMa+ war um die Mittagszeit im Ringcenter, um zu schauen, wie das klappt.

Fast flehende Schilder

Viele kleinere Läden haben die Chance der Lockerung der Kontaktbeschränkungen genutzt und geöffnet. Andere warten noch ab oder ihre Verkaufsflächen betragen mehr als 800 Quadratmeter, wie zum Beispiel bei Medimax und bei Galeria Kaufhof. Der Kundenstrom liegt noch weit unter Normalniveau. Doch in einigen Geschäften herrscht schon reger Betrieb. Überall hängen Schilder mit fast flehenden Verhaltensregeln: „Abstand halten!“, „Zutritt nur für 10 Kunden gleichzeitig!“, „Bitte zunächst draußen warten!“. Beinahe scheint es so, als drückten sie die Befürchtung der Geschäftsinhaber aus, dass bei Nichtbeachtung ihre Läden wieder geschlossen werden müssen.

“Einbahnwege” sollen “Entgegenkommer” verhindern

Bei Nanu-Nana besprüht eine Mitarbeiterin jeden abgestellten Einkaufskorb offenbar mit Desinfektionsmittel. In mehreren Shops sind die Ein- und Ausgänge sowie die Laufrichtungen durch Bodenmarkierungen vorgegeben. Mit den „Einbahnwegen“ will man wohl verhindern, dass die anderthalb Meter Abstandsregel durch „Entgegenkommer“ gebrochen wird. Doch in den Passagen zwischen den Geschäften müssen wir entgegenkommenden Personengruppen immer wieder abrupt ausweichen. Die nur scheinbare Normalität erzeugt, zumindest bei uns, ein wachsendes Unwohlsein. Maskenträger sind in allen Altersgruppen noch weit in der Minderheit. Cafés und Schnellrestaurants haben geschlossen. In einigen wird gewerkelt, um sich auf hoffentlich bald bessere Zeiten vorzubereiten. Alle Sitzmöglichkeiten sind abgesperrt.

Manchmal helfen unverhofft klare Ansagen

Am Verkaufsstand „Gute Wurst aus Thüringen“ gibt es Mahlzeiten zum Mitnehmen. Die Wartenden stehen dicht beieinander. „Hey, ihr habt euch alle lieb, was?“, ruft ein empörter Passant, bleibt stehen und deutet auf die Hungrigen. „1,50 Meter Abstand halten!“ Als niemand reagiert, fügt er mit Nachdruck laut hinzu: „Ihr Pappnasen!“ – Alle gucken. Das war wohl die richtige Tonlage, denn kurz darauf zieht sich die Schlange tatsächlich auseinander, wenn auch zögerlich. Niemand hat die Absicht andere anzustecken. Doch draußen scheint die Frühlingssonne. Das Virus ist unsichtbar, aber es ist immer noch da.

Berliner Lockerungsmaßnahmen im Überblick

Der Senat hat mit entsprechenden Verordnungen für Berlin folgende Lockerungen des bisher strengen Kontaktverbots beschlossen. Es war Mitte März erlassen worden, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV2 zu verlangsamen (LiMa+ berichtete).

Handel/Handwerk
Zusätzlich zu den Super-, Getränken-, Bau- und Zoomärkten sowie dem Lebensmitteleinzelhandel u.a. dürfen ab 22. April auch weitere Verkaufsstellen mit einer Fläche bis zu 800 Quadratmeter öffnen. Der Zutritt muss gesteuert werden, auf 20 Quadratmetern darf sich maximal eine Person aufhalten. Vorhandene Aufenthaltsangebote und Sitzgelegenheiten sind zu entfernen. Der Zutritt zu Einkaufszentren (Malls) ist vom Betreiber gesondert zu regeln. Zulässig ist dort die Summe der maximal erlaubten Personen je 800 Quadratmeter Verkaufsfläche. In Wartebereichen dürfen sich nicht mehr als zehn Personen gleichzeitig aufhalten. In den zentralen Zugangs- und Aufenthaltsbereichen dürfen keine Verkaufsstände stehen.
Friseurgeschäfte dürfen ab 4. Mai wieder öffnen.

Versammlungen
Im privaten oder familiären Bereich sind Veranstaltungen und Zusammenkünfte bis zu 20 Personen erlaubt, wenn diese zwingend erforderlich sind (u.a. Begleitung Sterbender, Trauerfeiern, Taufen und Trauungen).
Für ortsfeste Veranstaltung unter freiem Himmel mit bis zu 20 Teilnehmern kann die Versammlungsbehörde bis zum Auslaufen des Verbots am 3. Mai Ausnahmen zulassen.
Ab dem 4. Mai sind solche Versammlungen unter freiem Himmel sowie kultisch-religiöse Veranstaltungen wie Gottesdienste mit bis zu 50 Teilnehmern unter Wahrung des Abstandes und Einhaltung der Hygieneregeln zulässig.

Museen und Bibliotheken
Bibliotheken und Archive der Hochschulen dürfen ab dem 27. April für den Leihbetrieb geöffnet werden.
Museen, Gedenkstätten und ähnliche Bildungseinrichtungen in öffentlicher und privater Trägerschaft können ab dem 4. Mai geöffnet werden. Auch öffentliche Bibliotheken dürfen ab dem 4. Mai für den Leihbetrieb geöffnet werden.

Schulen und Hochschulen
Öffentliche Schulen und Schulen in freier Trägerschaft einschließlich der Einrichtungen des Zweiten Bildungsweges dürfen unter Einhaltung der Hygieneregeln ab dem 27. April für den Lehrbetrieb geöffnet werden. Festlegungen zur abgestuften Öffnung nach Schularten, Schulstufen, Jahrgangsstufen und Bildungsgängen sowie zur Zulässigkeit von schulischen Veranstaltungen, die außerhalb von Schulen stattfinden, werden unter Berücksichtigung der Ergebnisse einer länderübergreifenden Abstimmung getroffen. Zuständig ist die Senatsschulverwaltung. Angebote der ergänzenden Förderung und Betreuung finden nicht statt. Schülerfahrten sind weiter untersagt. Prüfungen dürfen unter Beachtung der Hygieneregeln durchgeführt werden. Die Präsentations-Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss finden statt, schriftliche Prüfungen sind ausgesetzt.
Volkshochschulen, Musikschulen, Jugendkunstschulen, Jugendverkehrsschulen, Gartenarbeitsschulen sowie freie Einrichtungen im Sinne des Schulgesetzes und Fahrschulen dürfen vorerst nicht geöffnet werden.

Kindertagesstätten
Ab dem 27. April wird der sogenannte Notbetrieb ausgeweitet. Deutlich mehr Eltern als bisher sollen einen Anspruch auf Betreuung ihrer Kinder haben. Darunter sind Alleinerziehende und alle Eltern, die in einem der als systemrelevant definierten Berufe arbeiten. Anders als bisher ist es ausreichend, wenn ein Elternteil in einem dieser Berufe arbeitet. Neu auf der Liste sind zum Beispiel Logopäden und Zahntechniker.
Ab dem 27. April ist auch eine private, insbesondere nachbarschaftliche Betreuung für maximal drei Kinder erlaubt. Diese Regelungen gelten auch für die Notbetreuung von Schulkindern.
Nach derzeitiger Planung sollen deutlich vor dem 1. August alle Eltern wieder ein Betreuungsangebot erhalten.

Zoo, Tierpark, Botanischer Garten
Die Außenbereiche der Zoologischen Garten Berlin AG und der Tierpark-Berlin Friedrichsfelde GmbH dürfen unter Einhaltung der Hygieneregeln mit Ausnahme der Tierhäuser für den Publikumsverkehr geöffnet werden. Beide Einrichtungen öffnen am 28. April. Das Aquarium bleibt geschlossen. Die Außenanlagen des Botanischen Gartens dürfen ab dem 27. April geöffnet werden.

Badeanstalten, Sportstätten und Sportbetrieb
Erlaubt ist das kontaktlose Sporttreiben auf Sportanlagen im Freien, soweit es allein, mit Angehörigen des eigenen Haushalts oder mit einer anderen Person, ohne jede sonstige Gruppenbildung ausgeübt wird. Die Nutzung fest installierter Sportgeräte für die individuelle Fitness bleibt weiterhin untersagt. Umkleiden, Duschen, mit diesen verbundene WCs und sonstige Räumlichkeiten bleiben geschlossen. Gesonderte WC-Anlagen können geöffnet werden. Wiesen und Freiflächen der Sportanlage dürfen ausschließlich für die sportliche Betätigung genutzt werden.
Der Betrieb auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen, Schwimmbädern, Fitnessstudios, Saunen, Dampfbädern, Sonnenstudios, Solarien u. ä. bleibt untersagt.
Der Rat der Bürgermeister berät am Donnerstag, 23. April, über die Öffnung von Spielplätzen.

Mund-Nasen-Bedeckung wird Pflicht
Weiterhin gilt, dass die Berlinerinnen und Berliner die physisch notwendigen sozialen Kontakte zu anderen Menschen auf ein absolut notwendiges Minimum reduzieren sollen und dabei einen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten müssen. Dringend empfohlen wird das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung insbesondere in Einzelhandelsgeschäften. Ab Montag, 27. April, ist eine Mund-Nasen-Bedeckung (kann auch ein Schal oder ein Tuch sein!) im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) Pflicht.

Der Beitrag Versuch macht vielleicht klug erschien zuerst auf LiMa+.




Dieser Inhalt wurde am 17. Januar 2021 um 21:28 von der Seite Versuch macht vielleicht klug | LiMa+ abgerufen.


LiMa+ wurde als "Online-Zeitung aus dem Berliner Osten" beendet, weshalb ich möglicherweise in Verbindung mit Radio Marzahn einige Artikel (vielleicht nicht in dem Ausmaß, wie es LiMa+ getan hat) zu den beiden Bezirken Marzahn-Hellersdorf & Lichtenberg veröffentlichen werde.